„Hört uns zu!“

Fachtag „Starke Schule – Starke Psyche – Starkes Leben

Auf Einladung der Kämpgen-Stiftung trafen sich rund 120 Experten zum Austausch über das Thema „Psychische Gesundheit“ in den Räumlichkeiten der Alexianer Köln gGmbH.

Ein stiller Schrei hallt durch den Saal des Dominikus-Brock-Haus: „Hört uns zu, damit ihr uns versteht!“, lautet die Forderung in einem Video junger Menschen, das den Alltag von schulischem Leistungsdruck, Gewalt, Drogenmissbrauch sowie die Ängste angesichts globaler Krisen wie Kriege oder Umweltzerstörung beschreibt.
Auf Initiative der Kämpgen-Stiftung kamen in den Räumlichkeiten der gemeinnützigen Alexianer Köln GmbH rund 120 Teilnehmer aus den Wissenschaftsbereichen Bildung, Pädagogik und Psychologie zum Fachtag „Starke Schule – Starke Psyche – Starkes Leben“ zusammen. Neben einer Vorstellung der Förderprojekte „SEELENschule“ (HfpK e.V. Bonn/Rhein-Sieg), „Verrückt? – Na und!“ (Kölner Verein für Rehabilitation e.V./Regionalgruppe Verrückt? – Na und!) sowie „Mindbalance“ (junge Stadt Köln e.V./Alexianer GmbH) ergänzten Informationsstände und eine Podiumsdiskussion das Programm der siebenstündigen Veranstaltung, die von Frank Liffers moderiert wurde.

Marie Hacker (Bezirksschüler:innen-Vertretung Köln), Andreas Hamerski (Leitung Familienberatung/Schulpsychologischer Dienst Stadt Köln), John Douglas (Referent SEELENschule), Kerstin Gaden (Schulleiterin Gesamtschule Rodenkirchen) und Fridtjof Filmer (NRW-Ministerium für Schule und Bildung, v. l.) trafen sich zur Podiumsdiskussion im Rahmen des Fachtages „Starke Schule – Starke Psyche – Starkes Leben“

„Mentale Gesundheit ist eine Voraussetzung dafür, dass Lernen, Entwicklung und Teilhabe überhaupt gelingen können.“ Andreas Amelung, Vorstand Kämpgen-Stiftung

Angesichts steigender Krankheitszahlen in Verbindung mit psychischen Leiden auch bei Schülern zeigten sich Fachleute wie Professor Jens Kuhn, Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Alexianer Krankenhauses Köln Porz, besorgt über späte oder fehlende Hilfsmaßnahmen. Die Tagung stellte sich dabei den Kernfragen, wie eine gezielte Stärkung von Kindern und Jugendlichen erfolgen könne und was es braucht, damit vorhandene, gute Ansätze dauerhaft wirken können. „Mentale Gesundheit ist eine Voraussetzung dafür, dass Lernen, Entwicklung und Teilhabe überhaupt gelingen können. Schule ist deshalb immer auch ein Ort, an dem Unterstützung, Prävention und Aufmerksamkeit gebraucht werden“, betonte Andreas Amelung von der Kämpgen-Stiftung in seiner Begrüßungsrede. Der Theorie setzten nicht wenige Tagungsbesucher eine ernüchternde Praxis entgegen.

Zahlreiche Vertreter aus den Wissenschaftsbereichen Bildung, Pädagogik und Psychologie setzten sich im Rahmen des Fachtages mit Fragen zum Thema Schule und Gesellschaft auseinander.
Die Besucher des Fachtages konnten sich an mehreren Ständen über Angebote im Zuge des Leitthemas „Mentale Gesundheit“ informieren und austauschen

„Ich sehe selten, dass das Wohl der Kinder in den Schulen im Vordergrund steht.“ John Douglas, Projekt „SEELENschule“

Der Bedarf an Unterstützung sei bei immer komplexeren Fällen immens gestiegen, erklärte etwa John Douglas vom Projekt „SEELENschule“. „Ich sehe selten, dass das Wohl der Kinder in den Schulen im Vordergrund steht“, so der Fachreferent. Kerstin Gaden von der Gesamtschule Rodenkirchen berichtete von vielen Kindern und Jugendlichen, die nicht regelmäßig zur Schule kämen. Es fehle an Therapieplätzen für die Nöte der Schüler. „Wir lassen Klassenarbeiten mittlerweile nicht nur einmal, sondern bis zu viermal nachschreiben, um Termine für alle, die bei Prüfungen fehlen, anzubieten. Die Anforderungen sind von den Lehrern kaum noch aufzufangen“, sagte die Pädagogin. Gaden forderte eine neue Denkweise für Bildungseinrichtungen. So müsse es selbstverständlich werden, Fehler zu machen und lernen zu dürfen. Eine schlechte Note sei kein Versagen. Laut Fridtjof Filmer genieße das Thema in der Landespolitik höchste Priorität. Vielen Kindern fehle aufgrund psychischer Beeinträchtigungen bereits die Grundlage, um schulischen Anforderungen gerecht zu werden, verwies der Mitarbeiter des NRW-Ministeriums für Schule und Bildung auf elementare Defizite. Der Problematik wolle man mit einem neuen Mental-Health-Programm auf Landesebene begegnen.

„Der Leistungsdruck belastet uns sehr. Wenn dann unsere Probleme kleingeredet werden, macht das alles 3.000-mal schlimmer.“ Marie Hacker, Bezirksvorstand der Bezirksschüler:innen-Vertretung Köln

Schüler-Vertreterin Marie Hacker forderte von den Entscheidungsträgern ein verstärktes Bewusstsein für den Ernst der Lage: „Der Leistungsdruck in den Schulen belastet uns sehr. Niemand unternimmt etwas dagegen. Wenn unsere Probleme auch noch kleingeredet werden, macht das alles 3.000-mal schlimmer“, wandte sich die junge Frau an die Öffentlichkeit. Für eine Enttabuisierung von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen setzt sich Alix Puhl ein. Die Mitbegründerin der gemeinnützigen Gesellschaft „Tomoni Mental Health“ berichtete vom Verlust ihres Sohnes, der aufgrund einer zu spät erkannten psychischen Krankheit Suizid beging. „Gehen Sie bitte ins Gespräch, wenn Sie ein Bauchgefühl haben, dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmt“, appellierte die Referentin an die Vortragsbesucher. „Uns hätte ein Umfeld geholfen, das Bescheid weiß, beispielsweise die Schule“, so Puhl. Ziel von Tomoni (japanisch für „zusammen“) ist die Befähigung von Bezugspersonen zur Früherkennung mentaler Belastungen bei Personen im unmittelbaren Lebensumfeld. Dafür sucht das Team nach Unterstützern.

Angst, die krank macht

Angst vor Bewertungen als Dauerzustand an Bildungseinrichtungen beschrieb Lucia Roosen als eine der Hauptfaktoren für psychische Krankheiten bei Schülern. Die Sozialpädagogin berichtete als Repräsentantin des „Kölner Verein zur Rehabilitation“ in Porz von ihrer Vorsorge-Arbeit in Tandem-Teams, bestehend aus Experten und persönlich Betroffenen. Das Dialog-Modell, entwickelt vom Irrsinnig Menschlich e. V., hält ab der achten Klasse Einzug in die Häuser. „Es braucht Begegnungen mit Menschen, die in Krisen waren und diese überwunden haben. Das hilft“, benannte Roosen die Grundlage des bereits bundesweit umgesetzten Konzepts.

Lucia Roosen und Beate Pinket vom Kölner Verein für Rehabilitation

169.000 Euro Stiftungsgelder für gemeinnützige Projekte

Mit Hilfe der Kämpgen-Stiftung werden seit Mitte 2023 die Initiativen „Mindbalance“, „SEELENschule“ sowie „Verrückt? – Na und?!“ langfristig finanziell gestärkt. Die Gesamtfördersumme der Projekte beläuft sich bisher auf 169.000 Euro. Alle drei Projekte zeigten beispielhaft, wie Schulen mentale Gesundheit niedrigschwellig, wirksam und nachhaltig fördern können, würdigte die Stiftungsleitung im Zuge des Fachtages das Engagement der Impulsgeber.

www.jungestadtkoeln.de
www.irrsinnig-menschlich.de
www.hfpk.de
www.tomonimentalhealth.org

Text + Fotos: Thomas Dahl